Kolumne: 10 Sekunden reichen

In ihrer neuen Kolumne erzählt Alea von systematischem Vorantreiben der Klimakatastrophe und der Verantwortung die damit auf jedem von uns liegt.

10 Sekunden reichen

Eine Kolumne von Alea Maxim



In unserem Garten wohnt ein Rotkehlchen.
Vor ein paar Wochen entdeckte meine Mutter, dass dieses kaum Nahrung mehr fand. Bevor meine Mutter anfing, das Rotkehlchen zu füttern, habe ich es nie gesehen. Eines Morgens trank ich einen Kaffee in der Küche, schaute aus dem Fenster und sah es endlich.
Seit dem Augenblick sehe ich es fast jeden Tag. Ich glaube, die meisten Menschen hätten, wie ich, das Rotkehlchen zunächst nicht wahrgenommen.


Genauso wie wir jeden Tag tausend andere Dinge übersehen. Doch nur weil wir sie übersehen, heißt es nicht, dass sie nicht passieren.
Täglich sind wir viel zu sehr damit beschäftigt, immer mehr zu wollen, uns abzulenken und den Willen zu haben, nichts zu verpassen.
Paradox daran ist, dass wir dabei das Leben verpassen. Das Leben passiert jeden Tag um uns herum, aber wir suchen es immer wieder in bestimmten Ereignissen und wollen dabei immer mehr.
Einen Vorwurf kann ich dabei keiner einzelnen Person machen. Schließlich profitiert unser System davon. Immer mehr kaufen, immer mehr Geld und immer mehr Wachstum. Endloses Wachstum funktioniert jedoch nicht auf einem begrenzten Planeten. Dabei zerstören wir nicht nur unseren Planeten, sondern auch uns selbst und unsere Gemeinschaft.
Wir übersehen, wenn eine alte Person in die Bahn einsteigt und keinen Sitzplatz findet.
Wir sehen nicht, wie viel weniger Insekten im Sommer herumfliegen. Und wir bemerken auch nicht, dass unser alter Nachbar seit Wochen nicht mehr aus seiner Wohnung kommt.

Ich meine, es ist sehr verständlich, dass wir jeden Tag verdrängen und versuchen, uns abzulenken. Es passiert zu viel jeden Tag. Unser Gehirn kann erstaunlich viel, ist allerdings nicht darauf ausgerichtet, tausende Gesichter zu sehen, einzelne Schicksalsschläge und existenzbedrohende Nachrichten aus der ganzen Welt zu jeder Stunde am Tag zu erhalten. Dazu kommen noch Probleme, die jede einzelne Person durch das Leben trägt, und schlussendlich der Alltag.

Nicht jeder hat Zeit, sich mit den Dingen um uns herum zu beschäftigen. Wenn man alleinerziehend ist und sich um drei Kinder kümmern muss, man sich um alte oder kranke Familienmitglieder sorgt oder einfach zu viel anderes im Kopf hat, ist es schwer, sich mehr Zeit für die Welt um einen herum zu nehmen.

Ich glaube, es gibt nicht die eine Lösung für dieses Problem, wenn es überhaupt eine gibt. Zwar zweifle ich oft daran, dass wir das alles irgendwie noch hinkriegen, und sehe nicht, dass der Mensch eine Zukunft hat. Aber den Menschen kann man nicht in Schubladen stecken, genauso wenig wie ein Schwarz-Weiß-Denken an dieser Stelle angebracht ist. Natürlich sind Menschen teils sehr egoistisch und nur auf sich bedacht, doch dann wiederum gibt es immer wieder Momente, in denen man beobachten kann, wie Einzelne so viel bewegen.

Manchmal sind es nur zehn Sekunden, ein Wort, ein Blick, kaum bemerkbar, aber doch sehr wirkungsvoll.
Manchmal sind es Jahre, die manche Menschen in einzelne Angelegenheiten stecken. Viele Sachen bekommt man mit, doch manche passieren im Stillen. Es kommt dabei nicht darauf an, wie groß der Nutzen oder der Beitrag ist.
Manchmal bewirken zehn Sekunden genug, um ein Leben zu verändern oder zu retten. Ich glaube, es gibt kein Rezept, wie wir das alles wieder hinkriegen, aber ich glaube schon, dass es reicht, wenn wir lernen hinzugucken und wenn es nur zehn Sekunden sind, in denen wir aus dem Fenster schauen und ein Rotkehlchen sehen.

Denn wenn wir wieder erlernen zu sehen, erlernen wir auch, Verantwortung für uns und unser „Wir“ zu übernehmen.

Alea Maxim, 8.03.2026


Das war der erste Teil der neuen Kolumne von Alea Maxim, die hier ihre Gedanken zu gesellschaftlicher Verantwortung, der Klimakatastrophe und der Welt allgemein teilt.



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