Kolumne: Die Naivität

In ihrer neuen Kolumne erzählt Charlotte diesmal von Naivität, dass diese nicht immer Teil des Problems sondern auch Teil der Lösung sein kann.

Die Naivität – etwas Gutes?!

Eine Kolumne von Charlotte Sebald




Ich erinnere mich noch genau daran: In der Grundschule haben wir in der 4. Klasse Fabeln durchgenommen. Die Fabel, an die ich mich am besten erinnere, war jene mit dem naiven Raben und dem schlauen Fuchs, der durch Hinterlist an ein Stück Käse kommt. Das ist nur eins unter vielen Beispielen, wo „naiv sein“ mit etwas Schlechtem, mit etwas Dummen und Kindlichem assoziiert wird.
Eine schlechte Angewohnheit.


Dem gegenüber bedeutet Naivität auch: leicht und mit Zuversicht in die Welt blicken. Ich frage mich, ist das nicht erstmal gut, naiv im Sinne von ‚zuversichtlich‘ zu sein. Auch um die Hoffnung in den Krisen nicht zu verlieren?


Aber nein. Sobald man heranwächst, wird von einem rationales und realistisches Denken erwartet. Es gilt als unreif und kindisch hin und wieder naiv zu sein. Bis zu einem gewissen Punkt stimmt das auch. Klimawandel, Erderwärmung und Extremwetterereignisse lassen sich nicht vom Sofa aus lösen. Das hätte dann aber auch weniger mit Naivität als mehr mit einer „bequemen Hoffnung“ zu tun.


Ich denke, einer der Gründe, warum es uns so schwerfällt vertrauensvoll zu denken und zu handeln, ist, dass unser aller Umfeld überhaupt nicht darauf ausgelegt ist. In der Schule, in der Arbeit oder irgendwo sonst mit anderen Menschen, überall begegnen uns ernste Themen. In sehr unterschiedlichen Formen, Proportionen und Facetten geht es dann um Politik, Krisen, Leistungsdruck und Sorgen. Und so trägt jeder schon einen „Grundstock“ an bedrückender Last mit sich. Diese Last trägt daraufhin auch zur Unterdrückung der Naivität bei: Denn wer kann schon zuversichtlich sein, wenn den ganzen Tag die Welt vor dem inneren Auge untergeht? Doch dieser Zynismus schränkt uns ein.


Stattdessen kann es befreiend sein, einfach mal etwas zu wagen und zu beginnen. Wenn man etwas wagt und bei diesem Projekt nicht naiv, sondern zynisch in die Zukunft blickt, dann ist es deutlich unwahrscheinlicher, dass man Erfolg und Freude haben wird. Aber wagt man es auf diese Weise naiv in die Welt zu blicken, dann können aus Naivität die großartigsten Dinge entstehen! Natürlich sollten wir nicht dauerhaft naiv sein. Doch man kann sich die Leichtigkeit der Naivität immer bewahren, wenn man sie als eine Art Muskel begreift, den man trainieren und kontrollieren kann. Ganz ohne die Faserrisse aus Misstrauen und Zynismus.


Naivität bedeutet „ursprünglich“. Wenn man also den „Muskel“ gebraucht, ist man ganz am Ursprung des Denkens und somit auf eine Art auch frei, selbstbestimmt zu handeln!


Wie und wie viel man naiv ist, muss dann jeder selbst herausfinden, aber ich kann aus Erfahrung berichten: es ist toll, einfach auch mal nur das Gute in der Welt und in den Menschen zu sehen. Wie der Rabe frei durchs Leben fliegen.


Charlotte Sebald, 02.02.26


Das war der zweite Teil der neuen Kolumne von Charlotte Sebald, die hier inspirierende Texte und ihre Gedanken zu gesellschaftlicher Verantwortung, der Klimakatastrophe und der Welt allgemein teilt.



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